Kierling 1830

Kierling war 1830 ein Dorf mit 108 Häusern und 653 Einwohnern. Erwähnt wurden diese Zahlen von ehemaligen Volksschuldirektor Josef Schmutzer in „Heimatkunde in Kierling“ – Seite 10 und „Die Umgebungen Wien’s historisch-malerisch geschildert“ – Seite 59 von Franz Carl Weidmann. Dort wird erwähnt, dass diese Einwohner fast sämtlich Hauer / Weinhauer waren und ihr eigenes Gewächs im Hause ausschenkten. Damals wurde auch erwähnt, dass das Bett des Kierlingbachs zugleich Fahrstraße war – heute die B14.

Kierling wird damals hochlobend erwähnt in der Wiener Tageszeitung „der Wanderer“ aus dem Jahr 1827, genau am 9. September 1827, Seite 3. Ein Lehrer und Dichter kennt Kierling sehr gut. Würde er es heute wiedererkennen ?

Kirchling, Kierling oder Kührling *

Von Weidling durch den Berg geschieden,
Dem edler Göttermost entträuft,
liegt Kierling, dem der Hesperiden,
Gerühmte Frucht in Menge reicht.

In früher Zeit des Mittelalters,
war dieses Dörfchen schon bekannt,
Da hat’s die Schrift des Stiftverwalters,**
in Klosterneuburg schon genannt **

Am Schlosse stand schon die Kapelle,
aus der die Kirche sich entwand;
doch niemand zeigt und mehr die Stelle,
auf der die Burg in Kierling stand.

Die Kirche widerstand den Flammen
Der kriegerischen Türkenwuth:
Sonst stürzte Kierling rings zusammen,
dem Bach erschreckte Christenblut.***

Doch wie der reinste Silberspiegel
durchschlängelte er nun dieses Thal;
In ihm beschau’n sich Traubenhügel
In dreymahl hundert Viertelzahl.

Pomonens**** wunderholde Kinder
Erwachsen hier für’s reiche Wien
Bey hundert fünfzig schmucke Kinder
Sieht täglich man das Thal durchziehen.

Die Wiesen sind einen Blumenteppich,
Die duftend Kierling dreymahl mäht,
um Birk‘ und Erle schlingt sich Eppich,
wie nie er Dichterschläf‘ umweht.

An Kierlings holden Prachtgefilde,
Gefällt sich selber die Natur,
Und zeigt in diesem schönen Bilde,
Uns Edens sündenlose Flur.

Romantisch in seinen Scenen,
Erhebt sich irgendwo ein Land,
Wo Reiz des Großen und des Schönen
des Preisens noch kein Ende fand.

Wenn die Natur allein beglückte,
Wohl müsste dort man glücklich sehn;
was je durch Pflege hier entzückte,
Entkeimt dort der Natur allein.

Gebüsche, Wälder, Wiesen prangen
In immer frischer Zauberzier,
Wer kann von Ihnen mehr verlangen ?
Der Mensch dort nur ist nicht wie hier!

Der Widersprüche bunte Menge,
Erscheint in seinem Conterfey;
Er kriecht, stolziert, sucht arm Gepränge,
Ist ernst und possenhaft dabey.

Im Augenblick das ist mit Reue
Zur Schau die schweren Sünden büßt,
Entglüht die Luft in ihm aufs neue
Auf Rache, Trug und Hinterlist.

Es scheut, versenkt in süße Träume,
Die Thätigkeit sein Leib und Geist;
Bequeme Trägheit, Lieb und Reime
Sind alles was als Glück er preist.

Wie anders hier! wo strenge Sitten
Bei Arbeit und Genügsamkeit,
Um nichts, als um Gesundheit bitten,
Durch die der Fleiß das Andre beuth,

So blüht bei häuslich stiller Freude
In seinem Ich des Mannes Glück;
Geschützt vor Dürftigkeit und Neide
Kehrt froh er stets ins Thal zurück.

Johann Hohheisel, Lehrer in Leopoldstadt, 1767 – 23.2.1841

  • … Kirchling, Kierling oder Kührling * Kierling hatte schon viele Namen. Die Namensgebung dieser Seite hat eine ausgewährt. Chirchlingen
  • **, 1108 Klosterneuburger Traditionscodex
  • ***, 1683
  • ****, Pomonens. War eine römische Göttin der Baumfrüchte, auch dargestellt auf einem Werk von Rubens.

Das gesamte Werk ist in einer österreichischen Nationalbibliothek eingescannt nachzuschlagen.

1 comment for “Kierling 1830

Schreibe einen Kommentar